Deine Spuren in meiner Seele

Prolog:
Sag, mein liebes Wesen. Kennst du das Gefühl, Liebe zu hassen? Wenn auf dem Schoß deiner Liebsten ihre Zuneigung einnicken möchte und dann schließlich dem tiefsten Schlaf verfällt?

Ist dein Groll aus der Winterruhe erwacht und spielt deine Wut mit ihren Fesseln, um wie ein seelenloses Gespenst täglich Unruhe zu stiften? Besitzt du so viele Gesichter, dass die Zeit dich lehrt zu vergessen, wer du bist und was du fühlst?
Oder sprichst du von Emotionen und benutzt deinen Verstand? Und lagst du dabei schon einmal im Bett deiner Liebsten und wolltest ihr so nah wie möglich sein? War ihre Hand dabei so eisig, dass selbst eure wärmsten Erinnerungen erfroren? Sei ehrlich! Hast du dich in die Frage vernarrt, wie es soweit kommen konnte oder hast du dir nichts dabei gedacht? Gib es doch zu! Du hast dich auf dem neuen Thron so sicher gefühlt, dass für dich jegliche Handbewegung zu deinem Kampfgeist, deinem niederen Fußvolk, weit mehr als lächerlich erschien. Und dabei wunderst du dich über deinen erbärmlichen Sturz? Der klägliche Schrei deiner Tränen, der die Leere in dir mit tiefster Trauer füllt, will dir einfach nicht helfen. Wieso aber stellt sich auch alles als kaum hörbares Flüstern heraus, wenn deine Liebste dann auf einmal vor dir steht?
Verspracht Ihr beide stets füreinander zu kämpfen, damit euch diese tiefe Trauer erspart bleibt? Und stellst du dir die Frage, wieso sie den Kampf und somit auch schließlich dann dich aufgab? Versuchst du auch gerade ihre damals aufbauenden Worte zu verdrängen, die dich dazu motivieren sollten, den Weg nicht alleine zu gehen? Last du noch einmal ihre reich verzierten Briefe, die trotz Realität so zauberhaft beseelt waren? Sehnte sie sich einst nach dir und träumte von intimen Ereignissen, die sie dann schließlich in der Zukunft auch mit dir erlebte? Schrieb sie damals nicht, sie hätte Angst dich zu verlieren und hat sie nicht selbst das „Leb Wohl“ eingeleitet? Steigt der Duft ihrer Schrift in deine Nase und füllen sich deine Augen mit Tränen, wenn du dich daran erinnerst, wie sie sich schon Vorwürfe machte, als eine Liebe nicht einmal existierte?
Hattest du zudem stets die Angst, sie würde versuchen sich in der Beziehung selbst zu finden und dass jegliche stärkere Bindung mit dir eine gewaltige Enge bei ihr auslösen könnte, selbst wenn ihr euch nicht gesehen hattet? Und sie könnte dich abstoßen, nur weil du in ihr ein Gefühl erweckt hattest, dass sie noch nie in ihrem Leben verspürte? Verdrängst du nun auch dies, als alles vorbei zu sein scheint? Denkst du dann jetzt an den Ursprung zurück, als es noch schön war nur in sie verliebt zu sein und ausschließlich zu hoffen, dass du ihr genügst?
Und behauptete sie in jener schlimmen Stunde der Trennung, ihr hättet keine Grundlage für diese Beziehung gehabt? Wußtest du dann genau, dass sie sich diese Aussage nur selbst vorlügen konnte, wenn du in ihr anscheinend etwas wachgerüttelt hattest? Sag, seid ihr nicht einst Freunde gewesen? Wäre dies allein nicht schon eine Basis gewesen? Du kannst sie nicht verstehen, auch wenn du es gerne würdest, weil du an ihr hängst? Du kannst dabei nicht anders und fasst dir an den Kopf? Siehst du, was Liebe alles anrichten kann?
Und Eure gemeinsamen Träume? Sorgtet Ihr dafür, Euch keine zu verschweigen? Und? Waren sie schön, überschnitten sie sich, musstet Ihr kichern? Und jetzt ist auf einmal alles vorbei? Deine Wünsche werden zu Alpträumen und du verschlingst jetzt Goethe, Schiller, Puschkin und Shakespeare? Und du übersiehst absichtlich, wie deren Werther, Ferdinand, Onegin und Romeo kläglich verenden? Du traust dich nicht mehr schlafen zu gehen, weil es dich nach ihrer Wärme dürstet und nach ihren Händen, die sich deinen Konturen anschmieden und jawohl, du meinst anschmieden. Du stellst dir vor, wie sich eure Körper berühren und du weißt jetzt genau, dass du ihren nicht mehr anfassen darfst. Ihren lieblichen Duft musst du vergessen und ihren Atem überhören. Denn es kommt auf dich ein Leben zu, an dem sie nicht mehr teilnehmen möchte. Schade, dass du nur eines führen darfst - das jetzt ohne sie.
Möchtest du außerdem nicht mehr in einem Bus sitzen, der mal mehr oder weniger mit flüchtigen Gefährten gefüllt ist? Manch Träne der Trauer und der Freude sind bereits geflossen, denn du hast auf deiner Reise schon so viele ein- und aussteigen sehen. Wieso aber war ausgerechnet der Ausflug deiner Liebsten so kurzweilig? Weshalb entschied sie sich urplötzlich ein paar Stationen früher auszusteigen, damit sie ja nicht mehr neben dir sitzen muss? Und als du sie aufstehen sahst, da fiel dir plötzlich auf, dass sie nie vor hatte, mit dir länger als nötig im selben Bus zu verweilen? Und damit reihte sie sich in die Menge jener Anderen ein, die dich schon längst verlassen haben. Schmerzt dies alles so sehr, dass es dich mehr als ermüdet, den Fluch des Lebens mit dir zu tragen? Denn wie die Anderen kannst du nicht einfach so aussteigen.
Und magst du dich erinnern? Die warme Sommernacht, so gegen halb zwei, als sie dir eine Nachricht zu kommen ließ, in der sie immer zu an dich denken musste, ist genauso vergessen wie die Aufforderung an dich ihre Hand zu halten, damit sie dir nicht davonläuft. Sie wollte an deiner Seite liegen, ihre Lippen auf deine legen, dich ganz und gar liebkosen. Deine sanften Fingerspitzen berührten ihre Haut und du wußtest, dass sie sich freute dich sehen zu dürfen. Sie liebte deine hochgeschätzten Worte und wollte nur noch dir zu hören? Ihre Sehnsucht hat ihr den Verstand geraubt und trotzdem folgte sie dir mit jedem ihrer Schritte? Auch wenn es wie in einem Märchen lief, wo scheinbar alles gut ausgeht, fielst du in des Froschkönigs Brunnen und kamst nicht einmal auf die Idee im Wald Krümel auszulegen. Du fühlst dich wie ein viertes Kind eines verstorbenen Vaters, welches keine Mühle, keinen Esel und keinen Kater erbte? Oder vielleicht wie ein Stern, der das Waisenkind verfehlte und so zu keinem Taler wurde? Bist du eine übriggebliebene Feder in einem Kissen, das nicht genügend ausgeschüttelt wurde? Du siehst in dir den Prinzen, der nach einem ewigen Kampf endlich das Bett der Prinzessin erreicht, doch du kannst sie nicht wach küssen, weil sie fehlt? Und kennst du vielleicht das Märchen vom Fischer und seiner Frau? Wenn ja, dann wird es ein leichtes für dich sein, dich mit dem Fischer zu identifizieren, der aus Liebe zu seiner Frau das Größtmögliche vom Butt verlangte. Egal, wie herum man es dreht. Immer erwartet dich das schlimmste Schicksal, ein Happy End hast du noch nie gesehen. Doch hast du nur einen Wunsch und wenn du Märchen schreiben könntest, dann würdest du es deiner Liebsten vorlesen: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute glücklich und zufrieden, eng umschlugen in ihrer Liebe!“
Musst du dir zugleich mit jeder verstrichenen Sekunde immer intensiver eingestehen, dass du ohne sie nicht mehr leben willst, weil jetzt nichts mehr nach dem gewünschten Fahrplan läuft? Wo sie es doch war, die dich mit ihrer abenteuerlich anderen Art daran hinderte, den nächsten Zug auf eine andere Art und Weise zu benutzen. Saht ihr damals nicht euren Glücksbahnhof, war er nicht so greifbar nahe, bis sie sich plötzlich entschied irgendeinen anderen Zug zu nehmen - egal wohin, Hauptsache weit weg von dir. Steht deine innere Stärke nun auf dem Abstellgleis und hat dein Lebensticket schon längst an Gültigkeit verloren? Auch wenn sie wirklich nichts dafür kann, fesselt sie dich mit ihrer Entscheidung an das meist befahrene Gleis, doch kein Zug will kommen, der dich endlich erlösen würde. Die Erinnerung an sie fährt wie ein Eilzug an dem Gleis neben dir vorbei und auch wenn du selbst kein Bahnhof bist, den jeder nach belieben anfahren kann, wünscht du dir dennoch so sehr, dass sie schon gleich bei dir aussteigen wird.
Verriegelt sie etwa deinetwegen alle Türen zu ihrem Herzen, so dass jeglicher Kampf deiner Anklopfversuche zum Scheitern verurteilt ist, wenn sie gegen ihren süßlichen Herzschlag antreten? Du willst sie doch nur schnellstmöglichst aus ihrem teuflischem Schlafe zerren und du weißt genau, dass sie irgendwann aufwachen wird. Nämlich dann, wenn es schon zu spät ist. Und du willst ja handeln, kannst aber nicht, weil dir der Schlüssel fehlt.
Alles was zwischen euch beiden war, zählt ab sofort nicht mehr. Du sagst: "Liebste, es schmerzt so sehr, wenn ich an dich denke. Doch ich bereue nichts, denn jeder Moment mit dir war so einzigartig, so einzigartig schön. Komm zu mir zurück. Bitte!"
Weshalb? Weil du in ihr den vielleicht lustigsten, wunderschönsten und gefühlvollsten Menschen siehst, den du je getroffen hast? Und? Fühltest du dich beraubt, als man sie dir plötzlich genommen hat? Standest du dann wie nackt auf einer Straße und wußtest nicht, was du da gerade tust? Liefen deine Gedanken ausschließlich dem Wunsch hinterher, ihr noch einmal sagen zu dürfen, was du für sie empfindest? Egal, ob sie dich verabscheuen oder ohrfeigen wird, es muss einfach raus, bevor du deinen Gefühlen selbst nicht mehr sicher bist. Auch wenn du dir als Romantiker versprichst, sie für immer zu lieben und sie nie zu vergessen: das einseitige Begehren schmerzt so sehr, dass selbst die Einsamkeit in dir versklavt wird.
Machst du dir dazu den Vorwurf, euren letzten Kuss nicht richtig genossen zu haben? Weil du nie davon ausgegangen bist, dass du für alles bezahlen musst, was du falsch gemacht haben sollst? Das, was du als deine persönliche Stärke ansahst, hat euch getrennt und du hast es zu spät bemerkt? Den sinnlichen Wunsch alles wieder so werden zu lassen, wie es einmal war, kannst du dir nicht mehr erfüllen, weil sie dafür keine Hingabe haben will. Weil ihr etwas fehlte, als du anscheinend einst in ihrem Herzen gelebt hattest. Und jetzt? Geht es ihr besser, als du nun endlich fort bist? Deshalb hoffe ich, du hattest deine Liebste je gefragt, ob du sie beim Schweigen unterbrochen hattest, als du dich mit ihr unterhieltst? Oder hattest du sie vom Schlafen abgehalten, obwohl sie doch träumen wollte - und dann noch nicht einmal von dir. Wollte sie keine gemeinsame Zukunft mit so einem Typen wie du es bist? Und lag diese Aussage für dich so unbegründet im Raum, dass du dich wie ein aufgerauchter Joint fühltest, auf dem schließlich kläglich getreten wurde?
Mein liebes Wesen. Du siehst dich als so kreativ an, doch gegen sie bist du nicht mehr als ein Fakt. Und denkst du in der Lyrik die Kunst des Vergessens gefunden zu haben, obwohl sie lediglich die Gabe besitzt, dir deine Erinnerungen zurück zu rufen oder auszumalen? Hast du mit der Zeit begriffen, dass die Tränen deiner Liebsten nur das Opfer eines Schauspiels waren? Dienten sie lediglich dazu, dir den Abschied einfacher zu gestalten? Sie will nicht mehr mit dir reden, weil du langweilig und verkrüppelt bist? Du sollst anscheinend nicht mehr zu ihr passen, denn du bist schwach, sie ist stark. Sie liebt es dich trauern zu sehen, während sie von oben herab alle Fäden hat, um dich nach ihren Vorstellungen tanzen zu lassen. Und das Versprechen, ihr werdet euch wiedersehen, war nur dafür da, dass du dich so schnell wie möglich verdrückst, damit sie dich ja nie mehr wiedersehen muss. Deine Anwesenheit störte ihre sonst so gute Laune und du bist es, der ihr Leben verunstaltete? Am liebsten hätte sie dich ausgelacht, als du tränenüberzogen und vollkommen verkümmert in der Ecke lagst und die einzige Wärme von der zu hoch aufgedrehten Heizung ausging. So sehr stößt du sie ab. Und du hattest doch nur nach einer Hand gefleht, die dich nicht sterben lässt, wenn du wieder alleine bist. Den Abdruck ihrer harten Schuhe, als sie nach dir getreten hatte, spürst du immer noch? Will die Wunde einfach nicht verheilen? Ist es wie ein Gift, das durch deine Adern fließt und dir von Sekunde zu Sekunde die Luft zum Atmen nimmt? Du willst einfach nur sterben, doch das kannst du nicht, weil du die Hoffnung hast, sie irgendwann wieder zu sehen. Vielleicht seid ihr dann wieder vereint und nichts und niemand vermag euch zu trennen. Auch wenn du weißt, dass du dir damit den Sinn des Lebens nur selbst vorlügst, weil es nie mehr so eintreten wird, hältst du dich trotzdem an diesen einen Faden fest, denn du hast nichts anderes, aus dem du einen Wollknäuel wickeln kannst.
Meinte sie dich auch noch voll und ganz zu verstehen, selbst wenn sie nicht die geringste Ahnung hatte, wie es sich anfühlt, Jemanden zu verlieren, den man liebt? Jetzt bist du in der trockensten Wüste auf Erden, kein Wasser, keine Menschenseele, nur du und der endlose Sand. Du sehnst dich nach ihrer Oase und schwörst, dass du bis zum letzten Tropfen Verstand in dir, nach ihr suchen wirst. Auch wenn du die Orientierung verloren hast und nicht mehr weißt, wo du dich gerade befindest, läufst du weiter, auch wenn du dich nur hilflos im Kreis bewegst. Kein Wüstenschiff, das dich mitnehmen könnte und außer Dünen hast du nie etwas aufwärts gehen sehen. Mein liebes Wesen, das alles muss doch an dir zehren! Und bist du so kurz davor aufzugeben? Dich einfach in den Sand zu legen und darauf zu warten, dass der betörende Wüstentod in deinen ausgetrockneten Adern plötzlich zu fließen beginnt und dich endlich von den grenzenlosen Qualen erlöst? Du hast es wirklich satt dich von deinen Tränen zu ernähren und den Erinnerungen hinterher zu rennen. Denn dir ist aufgefallen, dass es keine normalen Erinnerungen sind. Nein, sie sind gegenwärtig, so sehr fühlst du dich der Vergangenheit verbunden. Und je länger du dich in dieser Einöde aufhältst, umso mehr wird dir eines klar: Dein Leben ist nicht mehr als eine Fata Morgana, nur eine Luftspiegelung, die nie wirklich existiert hat.
Oder sitzt du gerade am Telefon und hoffst, sie würde dich anrufen? Dir sagen, dass sie sich in eurer Pause eingestand, dich mehr als alles andere zu vermissen. Es tue ihr schrecklich Leid und sie möchte nichts anderes als zu dir zurück? Sie bereue ihre Entscheidung und möchte mit alter Kraft an einen Neuanfang arbeiten? Schwachkopf, wenn du das denken kannst! Gestehe dir doch ein, du bist allein, dich will niemand. Das Glück war nur für kurze Dauer, denn du bist nicht dazu geboren, dein ganzes Leben lang nur fröhlich zu sein. Jemand empfindet Spaß daran, dich leiden zu sehen. Vielleicht gehört deine Liebste ebenso dazu. Kannst du das wissen? Hättest du denn damals gedacht, sie hätte sich irgendwann von dir getrennt? Wie kannst du es jetzt ausschließen, dass es sie vielleicht erregte, dich als zusammengeschrumpften Haufen zu sehen, der kaum noch zu leben schien?! Vielleicht bemerkte sie in der Beziehung, dass du mehr und mehr an Bodenständigkeit gewannst und sie ihr eigenes Leben als minderwertiger ansah. Wäre doch möglich, dass sie keinen Mann an ihrer Seite wollte, dessen innerer Zusammenhalt auf einmal gewaltiger war als ihr eigener. Bizarrer Widerspruch, da sie doch nach Jemandem suchte, der sie beschützte und ihr eine Schulter lieh, wenn es ihr schlecht ging.
Und siehst du jetzt ihr verzweigtes Denken? Und da wunderst du dich, dass du dich an ihrem Baum, an ihren Ästen, aufhängen möchtest? Du baumelst im Wind, der deine Worte stets zu ihr getragen hat, wenn sie einmal fern war. Doch heute zieht sie alle ihre Wurzeln ein, damit sie nicht mehr von deinem Wasser leben muss. Ob als alter Gärtner oder als ein winziger Garten, künstlich und vergänglich bist du allemal. Und egal, was du für sie gewesen bist, immer siehst du schlecht aus, während sie ihre Blütezeit hat. Auch wenn jährlich der Herbst antritt, wirst du es dieses mal nicht schaffen, sie aufzupäppeln, damit sie den Winter übersteht. Dafür muss jetzt jemand anderes her, aber du bist ja leicht zu ersetzen. Gärtner und Garten gibt es bei einer übervölkerten Arbeitslosengesellschaft zuhauf, hier wird niemand merken, dass du fort bist. Die Zeit wird Gras über dich wachsen lassen und niemand wird dich mehr zwischen all der Erde wiederfinden wollen. Dabei verlangtest du doch nicht einmal viel.
Die verrücktesten Gedanken durchstreifen deinen Kopf, zu dem auch dieser hier sicherlich gehört. Du warst für sie nicht mehr als ein Sonderangebot im Schlussverkauf, das sie in einem Second Hand Laden erblickte, als sie lediglich nach Schuhen suchte. Du lagst in einem Wühltisch, von jedem angefasst und umgetauscht. Du hast sie angelächelt, als sie an deinem Stand vorbei ging, doch sah sie dich nicht und war es erst der zweite Blick, der die Aufmerksamkeit auf dich lenkte? Ihr Mitleid für dich war wohl sehr groß, als sie dich da zwischen all der dreckigen Unterwäsche entdeckt hatte, wie konnte sie da anders als zugreifen?! Und war ihre Kindheit wieder ein Vorbild dafür, wie sie mit dir umzugehen hatte? Hatte sie einen günstigen Spaß an dir, räumte sie dich mit der Zeit aber immer weniger aus der ohnehin schon letzen Schublade heraus, die schließlich auch nur mit schmutziger Wäsche bestückt war? Und hat sich jetzt irgendetwas an deiner Situation verändert? Du fühlst dich ausgenutzt, doch dir bleibt die Möglichkeit verwehrt, sie zum schwitzen oder frieren zu bringen. Denn du liegst jetzt in einem Container mit vergammelten Altkleidern, von denen sich die Besitzer liebend gerne getrennt haben.
Gibt es für dich zudem keine Ziele mehr, da deine Liebste dir den scheinbar perfekten Start erstickte? An wen wirst du dich jetzt wenden, mein liebes Wesen? An deine Freunde, die dir dabei sicherlich zureden werden, dass du sie dafür hassen sollst? Doch wie ist das möglich, wenn du nur dich hassen kannst und nicht sie, die du liebst? Sie und die Erinnerungen, die du mit ihr verbindest. Sie, als Menschen und als Freund, als Zuhörer, als Wärmequelle, als deine Liebste. Doch scheint es ihr nicht auszureichen, denn du hörst ihr wohl nicht zu, bist kalt und bist nicht ihr Freund. Ja, ich verstehe dich. Du liebst sie und wirst dir später nur gefährliche Vorwürfe machen, wenn du es nicht schaffst sie zurück zu gewinnen. Aber kämpfst du eigentlich? Zieht es dich nicht schon genug runter, wenn du davon hörst, ihr ginge es gut und du weißt, sie denkt nicht an dich?
Auch wenn du dir geschworen hast, jederzeit an sie zu denken, kannst du nicht anders, als dich abzulenken, damit dein Herzen nicht vollständig ausblutet. Du würdest „Hilfe“ schreien, wenn sie nicht lachen und weg hören würde. Du kannst und willst es einfach nicht begreifen, standest du ihr doch in jeder Situation bei, egal wie schlimm diese gewesen sein mag. Ihr seid doch ein so starkes Team gewesen, das sich von keiner gesellschaftlichen Ordnung unterkriegen ließ. Sogar als Geschwister wurdet ihr einmal bezeichnet. Und das alles ist auf einmal nicht mehr wert als ein Denkmal, an dessen Ursprung sie sich nicht mehr erinnern möchte. Sie sagt, es sei alles besprochen, doch du weißt genau, dass noch so viele Fragen offen sind. Und wenn du so etwas hörst, zweifelst du sogar an dir selbst und bereust es manchmal sogar zutiefst, sie je in den Arm genommen zu haben, als sie dich gerade benötigte. Aufgegeben hattest du sie nie, nein, so naiv konsequent warst du nicht! Ihre Probleme waren dir stets wichtiger als deine und genauso würdest du noch heute handeln. Und andersherum? Jetzt hast du, wirklich nur du, die Probleme, doch das scheint ihr völlig egal zu sein. Kalt dreht sie dir den Rücken zu und ihr einziger Wunsch nach ihrem süchtigen Egoismus, scheint in Erfüllung gegangen zu sein. Ihr Schlusstrich mit dir ist schon längst gezogen, du bist Geschichte! Sie will dich nicht und deine Probleme sind nichts wert!
Mein liebes Wesen, schade, dass du an solch einem Menschen zu Grunde gehen musst. Ich weiß, du hättest alles getan, damit es ihr gut geht, doch das kannst du nicht von Jemandem verlangen, dem Selbstgespräche wichtiger sind als jegliche Kommunikation mit dir. Dein Traum einer einzigartigen Partnerschaft ist wie aus einem undichten Kochtopf ausgetreten und beschmiert deine Existenz.
Sag, warst du je eine Ansammlung von Eiszapfen, die sich unter einem offenen Wurzelwerk angesiedelt hatten? Und hattest du dich zum Frühling hin in einem kalten Bachlauf wieder gefunden, als deine Liebste die tödlichen Sonnenstrahlen auf dich abließ und du schließlich in Millionen von Einzelteilen in eine Richtung schwimmen musstet? Und du wußtest genau: du findest nie mehr zusammen.
Fühlst du dich angesprochen und erleidest gerade genau dieses Schicksal? Und? Hast du dich dann schließlich damit abgefunden als kümmerlicher Tropfen weiter zu leben? Willst du verdunsten und in den Himmel empor steigen? Vielleicht dann irgendwann als Regen auf deine Liebste fallen, um sie wenigstens nur kurz berühren zu dürfen? Nein, mein liebes Wesen! Es ist alles vergeblich, denn du wirst ganz schnell feststellen, dass ihr Regenschirm bereits aufgespannt ist.
Und wenn dir Freunde sagen, dass es auch noch andere schöne Frauen gibt, dann kannst du nicht mehr als traurig grinsen. Denn niemand scheint zu begreifen, dass du nur noch sie lieben willst. Liebe ist für dich kein Objekt, das nach belieben ausgetauscht werden kann. Verabscheust du außerdem das Bordell der Neuzeit und wieso spielt deine Liebste hierbei ausgerechnet die Prostituierte? Doch dass dieses Liebesspiel dein Leben kosten könnte, hättest du nie gedacht. Denn mit jedem meiner Worte verliert sich dein Wille nach einem langen Leben? Wieso hier verweilen, wenn die Gegenwart deine Träne ist und die Zukunft kein Taschentuch bietet? Und was gibt dir das Leben schon, wenn dir Krüppel die Lebenskrücke genommen wurde? Du wünscht dir so sehr stark zu sein, bist es aber nicht. Und du hast dir geschworen, sie weiterhin als Vorbild zu nehmen? Denn wenn sie über Leichen gehen will, kannst du das auch und zwar über deine eigene. Und wenn alle um dich sagen, es sei eh nur eine Phase der Depression, musst du sie enttäuschen: es ist mehr.
Als du früher so viele Menschen vom Freitod abgehalten hattest, würdest du jetzt „Moment, ich folge dir“ schreien. Ein Leben ohne deine Liebste kannst du dir nicht vorstellen und wenn sich in den nächsten Wochen nichts besonderes tut, dann siehst du dich gezwungen, dein Versprechen zu brechen, das du deiner Liebsten bei eurer Trennung vorgelogen hattest. Das Versprechen auf Leben. Und dass das kein Scherz ist, hast du schon mit der ersten Sekunde gespürt. Ihre Ignoranz dir gegenüber kotzt dich an und dass du dir dafür keinen Finger in den Mund stecken musst, spielt hier keine Rolle mehr. Und dass sie dich wie den schlimmsten Feind behandelt, begreifst du nicht. Wenn du hörst, sie kann lachen, dann spürst du ihren Dolchstoß in deinem Herzen. Du hasst Dramen, doch wenn dein Leben nicht mehr als ein bürgerliches Trauerspiel ist, dann verlässt du halt die Bühne. Der Vorhang ist doch eh schon längst gefallen. Dass sich aber auch kaum einer deiner Möchtegern-Zuschauer bereit erklärt, dir in dieser Tragödie beizustehen, hat dich sehr enttäuscht. Sie alle sehen erst gar nicht in den Spiegel deines Herzens, der alles seitenrichtig wiedergibt, da bei dir ohnehin gerade alles falsch herum läuft. Ist an der Desinteresse manch deiner Freunde vielleicht der menschliche Egoismus schuld, der deine Liebste schließlich dazu gebracht hatte, sich von dir zu trennen? Doch was nützen dir all diese Fragen, wenn dir keiner eine Antwort geben kann? Aber mal ehrlich. Interessiert dich das denn eigentlich überhaupt noch? Wenn für dich eh schon alles vorbei ist? Nur noch Dunkelheit, nur tiefstes Schwarz. Bei eurer Trennung war es deiner Liebsten doch egal, wie mies du dich dabei gefühlt hattest. Und wenn sie über deine Zukunft entscheiden darf, dann darfst du das allemal. Und vielleicht wird sie schon bald vor deinem Grabe stehen und ihren brutalen Einfluss bestaunen können, doch wird sie nicht mehr als eine tote Erinnerung vorfinden - direkt neben einer blühenden Kastanie. Vielleicht, aber nur vielleicht, werden dann einmal echte Tränen fließen.
Wenn sie doch nur mit dir reden würde. Einmal ihren Stolz vergessen und zu dir runter schauen. Dich in den Arm nehmen und sagen, dass es ihr so Leid tue und du sagst dabei: „Bemerke doch bitte, dass ich es bin. Der junge Grashüpfer, der ohne dich nicht mehr lebt, der, der dich auf meinen Schoß zurück zog, als du nach sechs Stunden lieben ins Bad musstet. Bitte. Liebste, überdenke deine Entscheidung! Möchtest du das etwa alles nicht mehr fortführen? Denke doch an die Erlebnisse, die diese so wichtigen Eckpfeiler gesetzt hatten. An unsere Gespräche, die sogar bis 5 Uhr morgens andauerten und unser freies Lachen, das selbst an regnerischen Tagen die Sonne in uns erweckte. Und denke doch an die Orte, mit denen wir bis heute noch so viel verbinden. Oder als ich dich stets verteidigte, als dein ach so wertvoller Ex-Freund mit unterentwickelten Sprüchen um sich warf. Hey muss ich mich jetzt auch in seine Lügentruppe einreihen?
Ich will deiner Familie sagen, dass ich sie wirklich gerne habe. Mich bei dir bedanken, dass ich deine Hand halten durfte, als ich Angst hatte. Und dass ich dich auf mir spüren durfte, als ich mich in deinen Armen wiederfand. Und falls du dich erinnerst ... unsere wenigen Freunde und deren lieben Familien, die uns selbst im kältesten Schnee ein warmes Bett gaben und jeden Morgen frische Brötchen auftischten.
Und wie oft wollte ich dich noch überraschen und wie stark erheiterte mich dein süßes Lächeln? Ich wollte dich in den Märchenwald entführen, dich mit einem Bett im dichten Gehölz zum Kuscheln einladen. Mit dir in jedes Museum gehen, ein irisches Konzert besuchen, ich wollte für dich tanzen lernen. Ich hätte jede Angst für dich überwunden und wenn du mich gebraucht hättest, ich wäre gekommen, egal wo dich aufhältst.
Ich bin kein Mensch, der sich leicht verliert. Doch bei uns beiden .... Ja ... ich muss mich bei dir entschuldigen, dass ich in dein Leben getreten bin. Es tut mir Leid, dass ich den Moment deiner Schwäche genutzt habe, um dir näher zu kommen. Doch bevor ich mich für immer von dieser Welt verabschiede, solltest du eines wissen: Liebste. Ich liebe dich!“
Mein liebes Wesen, keine Bange, sie wird es erfahren, auch wenn sie es nicht mehr von deinen Lippen ablesen kann. Aber weshalb ich das alles weiß und woher all diese schmerzhaften Leiden stammen? Tja, ich lese aus der Quelle der Erzählungen, die durch blutige Tränen scheinbar unlesbar wurden. Scheinbar? Oh Ja! Denn wenn du deine Augen langsam schließt und alles um dich vergisst, dann spürst du die innere Kraft der zittrigen Schrift, die in mir verewigt wurde. Ich bin ein Tagebuch, ja kein normales, das auf irgendeinem Speicher unbenutzt unter einer staubigen Kiste liegt. Nein, ich gehörte Joscha, einem kleinen Jungen mit mittelangem blonden Haar, welches nach einem Kamm dürstete, so wuschelig wuchs es. Doch nicht nur seine Worte verrieten mir, was er fühlte. Sein ausgezehrtes Gesicht deutete auf das Resultat einer schwierigen Vergangenheit hin, die er genauso wie seinen kraftlosen Körper unter der überaus weiten Kleidung versteckt hielt.
Kälte? Nein, dieses Empfinden kannte ich bei ihm nicht. Denn hatte ich einmal gefroren, so fand ich gleich seine warme Hand, die mich in seiner flauschigen Manteltasche hielt. Und wurde mir einmal heiß, dann lag ich mit ihm unter einer gewaltigen Eiche, die ihm mit ihrem bedrohendem Schatten genügend Verlangen gab, mir von seinen Gefühlen zu berichten. Und hatte ich plötzlich so große Angst, dass selbst die hellsten Sterne am Himmel flüchteten, dann stand er mir zur Seite und so konnte ich meinen Dienst als guter Zuhörer nachgehen.
Joscha war ein guter Junge. Doch wieso es die anderen nicht gesehen haben, kann selbst ich nicht beantworten. Doch vielleicht schaffst du es, als die Person, die vielleicht den selben Schmerz der Liebe erfahren hat. Doch ich, ich allein kann sie lesen, die Schrift, egal welche schmerzhaften Schreie meine Ohren erfahren haben. Nun, ich will dir erzählen, wie dieses Schicksal auch nicht an Joscha vorbeiging, doch dafür muss ich viele Seiten zurück blättern. Verstecke mich also gut vor der verlogenen Kralle, die diese Wahrheit wie Blut unter den Fingernägeln verabscheuen würde. Die Worte in mir sind zu kostbar, als dass sie in ein offenes Feuer geworfen werden könnten. Joschas zerronnene Hilfeschreie mögen zwar erstickt sein und während du jetzt hier sitzt, wird etwas Schlimmes geschehen und welche Intrige auch geschmiedet wird: dass ich verwendet wurde, hat keiner gewusst. Also, lausche meinen Worten, du liebes Wesen, denn du wirst es nicht bereuen, vielleicht auch die Spuren deiner Seele in mir zu entdecken.

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Er saß auf der Holzbank, die vom Regen des Vortages noch völlig aufgeweicht war. Die andauernde Kühle machte ihm zu schaffen und so kam es, dass er sich mehr denn je verdammte, seinen Mantel doch zu Hause gelassen zu haben. Dieser musste wohl jetzt neben dem warmen Ofen hängen, zusammen mit seinem roten Schal, den er sich genauso herbeisehnte. Joscha fror normalerweise nicht allzu schnell, doch heute schien der Wind mit der Eiseskälte eine quallvolle Fußkette zu tragen. Als Häftling eines göttlichen Atems freute sich dieser, in Joscha endlich einen Zellengenossen gefunden zu haben. Dazu verdammt, die Kälte auch dort hin zu verlagern, wo sie noch nicht zu existieren vermag, schien der Wind sich besonders gerne bei ihm aufzuhalten. Joscha stülpte den Kragen nach oben und legte sein Kinn auf die Brust. Mit verschränkten Armen drehte er dem Wind bewusst den Rücken zu, um ihm klar seine Abneigung zu verdeutlichen. Dabei versuchte sich Joscha an den Ratschlag seiner Großmutter zu erinnern, die ihn einst belehrte, als er sich wieder einmal zu dünn angezogen hatte. Damals zwinkerte sie ihm durch ihre großen Brillengläser zu und empfahl ihm sich allezeit warme Gedanken zu machen, wenn es ihm zu frösteln begann.
„Dämlicher Tip“, fluchte Joscha und steckte die Hände tief in seine Ärmel. Schließlich half es ihm auch nicht, kurz vor dem Einschlafen Schafe zu zählen, wie sie über eine saftige Wiese liefen und jede Möglichkeit nutzten, um über Zäune zu springen. Doch konnte es ihm eigentlich Schaden es einmal auszuprobieren? Denn bevor er hier zu einem Eisklotz wurde, wollte er auf keinem Fall nichts unversucht lassen. Doch leichter als getan. Denn wie will man sich Sonnenstrahlen vorstellen, wenn es um einen herum ausschließlich dunkel und kalt ist? Joscha schloss seine Augen und sammelte sich.
Seine Gedanken schweiften nach Hiddensee und dem zauberhaften Strand. Dies war schließlich der einzige Ort, den er bisher mit Wärme verbunden hatte. Er atmete tief und schwer. Sich das Tanzen der Blätter als Rauschen des Meeres vorzustellen, war noch harmlos. Doch sich den kalten Wind als eine sanfte Brise auszumalen, forderte gewiss nicht seine volle kreative Vorstellungskraft, fühlte sich als Ergebnis dennoch arg dürftig an. Für das Knarzen der alten Äste fiel ihm jetzt schon gar nichts mehr ein und so war es nicht verwunderlich, dass die ihn die schonungslose Kälte ohne Atempause weiterhin im Griff hatte. Als hätte ihn Jemand mit einer gewaltigen Wurfleine gefangen genommen und in ein eisiges Wasserbecken gesperrt. Prompt wandelte sich die klägliche Vorstellung einer Strandszenerie zu der grausamsten Eiswüste, die mit ihren Sirenen sein Willensschiff zum Untergang zwang. Das Klappern seiner Zähne agierte währenddessen im Einklang seiner Zitterkrämpfe.
„Frierst du?“, ertönte plötzlich Zinas Stimme. Joscha drehte sich um und sah sie hinter sich stehen. An ihrem Arm hing sein Mantel, ordentlich gefaltet, zusammen mit dem roten Schal.
„Ich dachte, den könntest du gebrauchen.“
Wie ein lebloser Baum blieb sie stehen, schien darauf zu warten, dass Joscha ihr endlich Wasser gab.
„Danke ...“, nickte er freundlich. „Möchtest du dich zu mir setzten?“ Sein Arm schlängelte sich aus dem Ärmel heraus und machte Andeutungen einer kläglichen Aufforderung, sich hinzusetzen. Mit einem Lächeln im Gesicht nahm er ihr seinen Mantel ab und zog ihn zügig an.
„Standest du jetzt schon länger hier?“
„Mmh ... Nein.“, sagte sie etwas zögerlich.

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Die Nacht befahl zur Ruhe und beschwor mit ausgestreckten Armen jeden noch so matten Traum endlich zu erwachen. Wie ein unermessliches Astgeflecht überdeckte die Dunkelheit alle Ländereien und lud selbst die heitersten Nachtschwärmer zum verführerischen Schlafe ein. Die Augen der Sterne schlossen sich, als das Gesicht des Mondes bereits eingefallen war. Und Mutter Natur? Sie küsste schon längst zur Guten Nacht und mischte sich seit den letzten Lichtstrahlen in das geisterhafte Treiben der Einsamkeit.
Jedermann schien im wohlverdienten Schlaf verkrochen zu sein, nur noch Joscha war wach und lag am äußersten Rand der rechten Betthälfte, die Wolldecke von sich getreten. Leblos behagte er auf der Seite, den Blick gegen die kalte Wand gerichtet. Die Augen waren träge und fühlten sich vom vielen weinen verbraucht und ausgetrocknet. Er atmete kaum, vom Blinzeln keine Spur. Seine Unterlippe hing schlaff nach unten und ließ ein wenig Speichel aus dem Mund laufen. Völlig in seiner Verzweiflung eingesponnen, hatte Joscha schon lange den Bezug zur Realität verloren. Seine Gedanken waren gestorben und ausschließlich in dem Todesbad der Erinnerung liegen geblieben. Wie eine alte Videokassette trübte und beinhaltete zugleich ein Mix aus verschwommenen und verzerrten Aufnahmen seinen Kopf und gab in einer Endlosschleife nach jedem Ablauf erneut ihren tragischen Inhalt wieder. Als drückte Jemand nach belieben auf die Wiederholungstaste und ihm kund gab, dass nur ein Programm existierte. Doch schienen sich diese Rückblicke nur auf die kurze Zeit zu beschränken, in der er gelernt hatte, endlich einmal zu leben. Momente, welche das Atmen nach verlogener Luft vergessen ließen, und Stunden der geöffneten Augen, die so endlos lang schienen und als Andenken zugleich wie ein einzelner, kurzer Wimpernschlag waren. Und selbst, wenn er immer und immer wieder das selbe zu sehen bekam, löste es bei ihm stets das gleiche Gefühl der Leere aus. Anstatt abzustumpfen, sank der Pegel seines Lebenswillens mit jedem gebrochenen Deich, der ihm einen so notwendigen Zusammenhalt schenkte.
Als hätte man ihn aus einem unwirklichen Traum gerissen, saß Joscha plötzlich kerzengerade auf der Matratze und wußte nicht, wie ihm geschah. Unterdessen hatte es der Mond geschafft, seine Müdigkeit zu bekämpfen und den Schleier abzulegen. Stolz präsentierte er die Entschlossenheit, seine Arbeitsschicht schon jetzt antreten zu wollen. Er bemühte sich, das silbrige Licht an den Sprossen des Fensters vorbei schleichen zu lassen, um den Raum in einer sanften Lichtsymphonie erstrahlen zu lassen. Joscha begann zu blinzeln und blickte zugleich auf die andere Seite des Bettes, wobei sich nicht mehr als sein Kopf zu bewegen schien. Zögernd spähte er über seine Schulter, stets von der höllischen Angst verfolgt, die linke Betthälfte nicht so vorzufinden, wie er es gewöhnt war.
Normalerweise ließ Zina es sich nicht nehmen, ihre erotischen Konturen so vorzuführen, dass weder Betttuch noch Kleidung eine Art zweite Haut bildete. Genügsam hatte sie sich sonst ganz eng an ihn gekuschelt, mal auf der Seite, mal auf dem Rücken, aber stets mit dem Gesicht zu ihm gerichtet. Außerdem lächelte sie sonst, egal ob sie schlief oder nicht. Und dabei wußte er: das Lächeln war ihm gewidmet.
Doch dieses Mal war er sich nicht sicher, ob sie es war, die da neben ihm lag. Es war mehr ein körperloser Rücken, der zudem noch so eingehüllt war, dass Joscha befürchtete, den letzten Fetzen natürlicher Menschlichkeit an ihr ersticken zu sehen. Die einzig freie Stelle - wenn man es überhaupt als frei bezeichnen kann - war ihre Schulter, beziehungsweise vielmehr ihr Nachthemd, nein, eher das knallbunte Rot der breiten Träger. Ihr Kopf schien sich im Kissen begraben zu haben, so dass einige Sinne wohl keinen Sinn mehr in ihrer Existenz sahen. Dass Joscha überhaupt noch wahrnehmen konnte, dass dort ein Mensch neben ihm schlief, verwunderte ihn. Doch was heißt neben ihm? Hätte sie nur einen Zentimeter weiter von ihm weg gelegen, dann hätte sie sich gleich zu den Milben im Fleckerteppich gesellen können.
Joscha begriff, langsam schlossen sich die Schaumkroninseln seines Gedankenbades zu einer gewaltigen Ländermasse zusammen. Sein Herz flatterte, er wollte Schreien, doch er flüsterte. Wenn sie sich doch nur zu ihm umgedreht hätte, doch rührte sie sich nicht. ‘Nein‘, wisperte er. ‚Das... das darf ... das kann nicht sein.‘ Er schmiss sich von der Bettkante, die Fliesen waren kalt, doch spürte er es nicht. Langsam kroch er zum anderen Ende des Zimmers - noch nie kam ihm eine so kurzer Weg so lang vor. Er hob seinen Kopf und sah in Richtung des Spiegelschrankes. Er betrachtete sein Spiegelbild. Sofort bemerkte er, dass er in letzter Zeit sein blondes Haar hat länger wachsen lassen. So, wie es Zina vergötterte. Und da hatte sie ihn nicht einmal dazu aufgefordert es sich nicht zu schneiden. Nein, er tat es nur, weil er glücklich war, dass es ihr gefiel. Joscha musterte sein Gesicht. Tiefe Spuren, die die Fußstapfen dieser Nacht hinterlassen hatten. Die Haut sah mitgenommen blass aus. Seine Mundwinkel hingen traurig herab und sahen danach aus, als hätten sie nicht die geringste Lust sich zu einem Lächeln nach oben zu bewegen. Seine Augen waren sehr müde und blutunterlaufen rot, die dunklen Schatten der Augenringe ließen ihn noch entkräfteter aussehen. Es war ein leerer Blick, ein toter Blick. Joscha erschrak, schreckte zurück. Zeitgleich bewegte sich sein Spiegelbild und eiferte ihm alles nach. Plötzlich schreckte er zurück. Es war nicht mehr Joscha, den er zu sehen bekam. Sein ... nein, DAS Spiegelbild war ihm fremd. Wer war er und zu war er geworden? Er fasste sich an den Kopf und rannte aus dem Zimmer-
Joscha konnte es nicht beschreiben, das Leid, das in ihm geboren wurde. Dafür gab es keine Worte und auch kein Gefühl, welches diesem Schmerz nahe gekommen wäre. Vielleicht war es wie für einen Bergsteiger, der nach einer so langen Strapaze endlich seinen ersten Achttausender bestieg und dann an der Spitze feststellen musste, dass bereits eine Seilbahn Massen von Touristen in nur einem winzigen Bruchteil seines Weges nach oben beförderte. Oder vielleicht wie für eine Mutter, die ihre Söhne stolz in den Krieg schickte und kläglich zusammenbrach, als niemand mehr von ihnen zu ihr zurück kommen wollte. Und wie sich möglicherweise ein einsamer Autor fühlte, der sein Leben lang für andere über sein trauriges Leben schrieb, aber nie miterleben durfte, wie ihn Leser seines Werkes angehimmelt hätten. Ja, so könnte er sein, dieser Schmerz. Eine Einigkeit aus Verlust, Enttäuschung, Naivität und Unerreichbarem, so kann man ihn vielleicht darstellen.
Doch wie stand es dann mit dem Alleinsein? Joscha fiel hierfür kein Beispiel ein. Er dachte nach. Ja, eventuell ein missgestalteter Mensch, dessen Kummer so vielgestaltig war, stärker als bei jedem, der das Gefühl nicht kannte, jemals zu lieben und geliebt zu werden. Es war keine falsche Sehnsucht. Es war ein Begehren, eine Mangelerscheinung des Lebens, wenn der Verkümmerte doch einmal wußte, wie sich leidenschaftliche Hingabe anfühlt. Der Hunger auf Zuneigung entstand halt mit dem ersten Biss in die Geselligkeit, und als wäre man jetzt erst sterblich, war der Körper auf die Nahrung angewiesen. Er geht zugrunde, wenn er für einen längeren Zeitraum nicht regelmäßig etwas zwischen die Zähne bekommt, das begriff er. Und er war so hungrig, dass er sich sogar selbst essen würde, wenn das eigene Fleisch seinen Appetit stillen würde.
Er stieß sich seinen kleinen Zeh, doch hinderte ihn das nicht, weiter zu laufen.

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Er betrachtete die Standuhr, die sich hinter den Wucherungen von Zimmerpflanzen versteckt hielt. Ihr markanter Kopfteil war eckig und seitlich mit aufgesetzten Säulen versehen. Das Holz war abgenutzt, dennoch sehr edel - Joscha tippte als Laie auf Mahagoni, das einzige Material, welches er mit dieser Eigenschaft verband. Das Gehäuse wies dazu noch reich verzierte Schnitzereien auf, die im Uhrzeigersinn tanzende Jungfrauen zu alten Hexen werden ließen. Joscha hatte keine Ahnung, wieso er so lange auf diese Uhr starrte. Und obwohl er sich schon mehrere Male in diesem Raum aufgehalten hatte, ist ihm diese Uhr noch nie als etwas Besonderes aufgefallen. Vielmehr diente sie wie gewöhnlich dazu, ihm lediglich die Zeit anzugeben. Und dabei war ihm nicht einmal der verschnörkelte Ziffernring aufgefallen, der so markant war, dass er vorher wohl wie blind durch den Raum gelaufen sein musste, um ihn nicht bemerkt zu haben. Denn anstatt nur gewöhnlich mit römischen Zahlen bestückt zu sein, prahlte und funkelte der Ring vielmehr mit kunstvollen Zeichen und Motiven, die in einem unruhigem Relief zueinander angesiedelt waren. Ergab dies etwa alles eine kleine Geschichte? Zumindest erschien es ihm so, erkannte Joscha doch prompt einen wagemutigen Helden, der zusammen mit seinem Schwert - oder war es nur ein Kochlöffel - gen Himmel schaute und den Fuß auf eine Art endlose Zunge setzte. Oder ein böse dreinblickender Kauz, der sich auf dem Platz gemütlich gemacht hatte, wo normalerweise die Elf stehen würde.

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Wieso, lieber Gott? Wieso? Warum hast du mir meinen einzigen Schatz geraubt? Mein ein und alles zu dreckigem Staub werden lassen? Ich humpele vor meinem abgebrannten Haus und nur Asche, nichts als kalte Asche, die mein Haupt besudelt. So verkommen ... Ich stehe vor dem Nichts, so urplötzlich. Was habe ich getan, dass ich jetzt so bestraft werden muss? Ich begreife es einfach nicht. Jetzt habe ich alles verloren, ja, auch meinen Verstand. Sag, bin ich nicht dein Sohn, und musst du nun auch noch den Rabenvater spielen, der nichts gegen mein Leid unternehmen möchte? Ich habe dir doch nichts getan, außer zu versuchen in die Fußstapfen zu treten, die du zuvor in den weichen Boden eingelassen hast.
Jede Minute ohne Zina lässt meine Uhr schwächer schlagen, mein Lebenspendel schwingt erst gar nicht mehr. Keine Sekunde will vergehen, in der ich nicht an sie denke und soll es dann doch einmal geschehen, sie für einen kurzen Moment zu vergessen, so mache ich mir den größten Vorwurf, mich von ihr wieder ein Stück entfernt zu haben.
Lieber Gott, sprich mit mir. Bist nicht du für den Ursprung jeglicher Form von Liebe verantwortlich? Hast nicht du die Naturgesetze erlassen, die in ihrer Existenz nur durch perverse Liebesspiele befolgt werden können? Schau dir dafür nur deinen strahlengeilen Tag und deine Nacht mit ihren schattenverdrossenen Winkeln an. Sie gehören zusammen, wie groß die Unterschiede auch sein mögen. Miteinander bilden sie einen Teilkreis des Lebens, auf den wir nicht verzichten können. Das Licht dreht sich zur Finsternis, streichelt mit seinen sanften Fingerspitzen dessen Haut, bis die Sonne sich letztendlich mit dem Schatten vereint. Und selbst wenn du es wieder völlig anders sehen wirst, spreche ich hier von Liebe, einer freizügigen, lustvollen Liebe, so, wie du sie geschaffen hast, so wie wir sie täglich bestaunen können. Und ohne dich loben zu wollen: das allein ist dein Werk ... ganz allein dein Werk! Und merkst du jetzt endlich etwa den Unmut in meiner Stimme? Ja, wenn das mal nicht verständlich ist, da musst doch selbst du mich verstehen! Denn wie kann ich dich verherrlichen, während du mir ständig verbietest, dein Tag oder deine Nacht zu sein?
Ich habe es satt, an dem „Joscha ärgere dich nicht“ - Spiel teilnehmen zu müssen. Ich will aussteigen, doch wie? Ich bin nur deine Spielfigur, die sich deinem Willen beugen muss. Ob gewollt oder nicht, werde ich von deiner ach so gerechten Hand über das große Brett gezogen und kann aus eigenen Stücken weder vor- noch rückwärts gehen. Dass du ebenfalls in die Rolle der drei anderen Spieler schlüpfst, stand bei mir nie außer Frage. Doch begriff ich leider erst zu spät, dass du auch nach belieben häufig würfeln kannst, bis die gewünschte Augenzahl dein Pokerface zufriedenstellt. Jeder meiner - oder sag ich lieber deiner - Schritte ist wahrhaftig kein Glücksspiel, wie ich es zuvor immer gedacht hatte. Es ist vielmehr ein Teil deiner unseligen Strategie, die mich in den Fangschatten meiner Mitspieler wirft. Selbst die Spielfiguren in meiner Farbe unterliegen deinem Wahn, mir meine Reise so schwer wie möglich zu gestalten. Sie blockieren mir die erwünschten Felder und zwingen mich dort Stellung zu nehmen, wo dein Schicksal erneut über mich walten wird.
Ich will nicht immer wieder von vorne beginnen und am Rand mutterseelenallein auf deinen nächsten Zug warten. Und auch wenn mir jede gewürfelte Sechs die naive Hoffnung gibt, endlich mal mein Ziel ohne Schmach erreichen zu können, weiß ich im Grunde schon, dass niemandem meine Rückkehr auf das Spielfeld bemerken wird.

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Seine Mimik setzte ein ungewohntes Dauergrinsen auf und schloss sich frohen Herzens seines Besitzers Wohlbefinden an. Wie ein selbstgefälliger Mensch und sein Spiegelbild, könnte man meinen. Eine Art Seelenverwandtschaft, die aus dem Nichts auftauchte und dessen Geburt eigentlich nie eingeplant war. Als ein frisches Team mit einer makellosen Harmonie, wollten sie zusammen ein vollends neues Lebensgefühl vermitteln, dass Joscha nach innen und außen das Selbstbewusstsein gab, etwas besonderes zu sein. Und was könnte noch eine solche vorbildliche Freundschaft abrunden, als ein starkes Band des Vertrauens zu ihrem gemeinsamen Eigner Joscha, der erst langsam begreifen sollte, welch Eigenleben seine Diener doch führen? Ein gemeinsamer Spaziergang könnte da ganz hilfreich sein, so dachten sie und luden Joscha zu einem Trip in die Natur ein. Und da die Welt nach dem so langem und grausamen Regenterror endlich mit einem sonnigen Frieden belohnt wurde, sahen Mimik und Wohlbefinden keinen besseren Zeitpunkt, als jetzt sofort zu handeln.
„Joscha“, lächelte Zina. „Du strahlst so.“
„Yeah“, zwinkerte Joscha zurück. „Ich hab keine Ahnung wieso. Muss wohl so ne Art Phase sein. Also sei beruhigt ... bin sicher wieder bald der Alte.“
„Ach weißt du, das steht dir eigentlich ganz gut, diese ... Phase.“
Sie schmeichelte sich langsam an seine Brust und presste ihn sanft an ihre.
„Weißt du“, fuhr sie in einem verführerischen Flüsterton fort, „Geh mal raus in die Natur. Vielleicht ...“ Sie knabberte an seinen Ohrläppchen. „Vielleicht hilft es ja, aus dieser Phase einmal einen Dauerzustand zu gestalten.“
Sie legte ihr Bein um seines und redet jetzt so leise, dass Joscha Schwierigkeiten hatte, sie zu verstehen. Doch was er verstand, konnte er auch in ihren Augen ablesen:
„Küss mich - jetzt!“
Und wahrhaftig, es war ein wirklich schöner Tag. Die Natur erwachte in ihren schönsten Farben, und jegliche Bewegung konnte als Freudentanz aufgefasst werden.

Autoren: Andreas Kleindopf